Archive for the ‘Bologna’ Category

Music in the Times of Hate: Foo Fighters am 13.11.2015 in Bologna

Wednesday, December 2nd, 2015

Foo Fighters after Bataclan Shootings

What if I say I’m totally like the others? – Rockmusik mit positiver Energie wird am dringesten gebraucht in diesen Zeiten des Hasses

Zugegeben: Die Foo Fighters fand ich immer ein bisschen spießig; mir hat da das Raue, Wilde und Wütende gefehlt, das Rockmusik eigentlich auszeichnet. Aber man sollte Bands nicht abstempeln, wenn man ihre Liveauftritte nicht kennt. Einen Tag vor dem Konzert gab es noch Karten – für 200 Euro. Ähm nein. Weil ich mich in Bologna auf dubiosen Partys herumtreibe, erhielt ich aber die Chance, kostenlos in den VIP-Bereich zu kommen. Dort sitzen (!) Leute, die sich für total wichtig halten und viel Gel in den Haaren haben. Sie tanzen nicht, die lächeln nicht, sie haben das hier alles schon tausend mal gesehn und dieses blonde Mädel, das ihnen Bier bringt, ist viel interessanter als die Band. Veranstaltungsmanager müsste man sein. Dann könnte man auch so eine Fresse ziehen und sich für was Besseres halten. Oder man wird eben… Konzertkritikerin.

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Die ItalienerInnen sind ein verrücktes Publikum, von dem jede Band nur träumen kann. Aus “Skin and Bones” wird der Muppet Show-Song “Mahna Mahna“. Dave Grohl, der mit gebrochenem Bein auf seinem Gitarrenthron sitzt, lacht sich kaputt. Dann erzählt er von seinem ersten Auftritt in Bologna, von seiner damaligen italienischen Freundin, seinem ersten Tattoo und davon wie das Publikum in Bologna immer so richtig abgeht. Grohl hat viele Freunde in der Musiktadt Bologna. Überhaupt hat er viele Freunde, was wahrscheinlich an seiner super positiven Ausstrahlung liegt. Trotz gebrochenem Bein (die Weltournee wurde in The Broken Leg Tour umbenannt) springt er immer wieder auf. Diese Band hat so viel Energie. Nicht wütend wie Slayer, sondern voller guter Laune.

Das sind diese seltenen Momente, in denen einem auffällt, dass der VIP-Platz einen Scheiß wert ist und man sich gefälligst dafür zu schämen hat, weil eigentlich alle gleich sind (und unten im Innenraum die härtere Party abgeht).

Der Sound war besser als auf Platte, die Band hatte sichtlich Spaß und das Publikum sowieso. Es war eigentlich ein perfekter Konzertabend. Erst als man wieder draußen in der realern Welt war, strömten die Nachrichten aus Paris auf einen ein. Meine Freundin Hannah, die gerade Kunst in Paris studiert, schrieb mir eine kryptische Sms, die ich erst verstand, als ich nach einer Party gegen fünf Uhr nach Hause kam und online ging. Hannah und ich redeten via Skype. Draußen ging die Sonne auf; sie hockte in ihrem kleinen Zimmer ,,eine Straße vom Eiffelturm entfernt” und fand die ganze Situation ,,kafkaesk”.

Die Eagles of Death Metal spielten ungefähr zur gleichen Zeit im Bataclan in Paris wie die Foo Fighters in Bologna. Die beiden Bands sind befreundet; Dave Grohl trat auch im Video zu “I want you so hard” auf. Es ist also kein Wunder, dass die Foo Fighters den Rest ihrer Tour abgesagt haben. Das nächste Konzert nach Bologna hätte in Paris stattfinden sollen.

Bataclan in Paris
CC: Céline from Dublin, Ireland – Bataclan – Paris

Bei dem Angriff auf das Publikum der Eagles of Death Metal an diesem Freitag, dem 13. November 2015, wurden nach offiziellen Angaben 89 Menschen getötet und 200 verletzt. Die Eagles of Death Metal haben dazu ein Statement veröffentlicht. Inzwischen hat die Band angekündigt, dass sie als erste wieder im Bataclan auftreten will. Denn von Terroristen, die das freie Leben, Partys und gute Musik für Sünde halten, lassen sich die Rocker mit dem ironisch gemeinten Bandnamen und den witzigen Songs ganz bestimmt nicht mundtot machen. Die Foo Fighters legen nun eine unbestimmt lange Pause ein, doch sie werden ihre Tourtermine sicherlich auch nachholen. Dann sogar mit einem Dave Grohl auf zwei Beinen, der noch mehr rumspringen kann.

Wie schreibt man über Musik an so einem Abend? Einem Abend, der so schön war und dann so schrecklich endete?

Der beste Artikel über das Foo Fighters-Konzert erschien in der italienischen Zeitung La Repubblica, darum habe ich mal einen Teil übersetzt:

“[…] And there was almost a sense of guilt in having spent a lovely evening of music, on a night like this. But it needs not be so. Because music is life, because a concert is that moment when you cancel the distances between people and it feels a bit like we are all the same, all part of something that unites us beyond flags, religions, political ideas. Because at concerts people meet, who would otherwise never talk to each other in real life, they can laugh, cry, together, as part of the same family. As friends. For this, if we knew what was happening out there in the real world, we would have said: ‘Play it again, Dave.’ “

Ein Erasmusstudium in Zeiten von Eurofaschismus.

Wednesday, December 2nd, 2015

Seit 2 Monaten studiere ich in Italien. Über mein Erasmus-Semester soll ich einen Bericht verfassen, der standardmäßig so aufgebaut ist: Es war sehr schön, ich kann es empfehlen, ich war auf vielen Partys, ein bisschen was gelernt habe ich auch, tolles Wetter, tolles Essen, Ende. Auf CyberpunkJournalism blogge ich seit knapp 5 Jahren vor allem über Kunst, Kultur und Politik. Warum nicht auch über Kunst, Kultur und Politik in Italien? Kunst und Kultur waren schon dran. Jetzt kommt das Thema, das anscheinend viele meiner Freunde langweilt. Zu unrecht. Denn Politik ist bestenfalls nichts weiter als organisierte Realitätsbewältigung und schlimmstenfalls sture Realitätsverweigerung, die unseren Alltag bestimmt.

Während meines Auslandssemesters in Bologna lerne ich natürlich brav Vokabeln. Eine neue Vokabel, die ich gestern gelernt habe, ist: Eurofascismo. Eurofaschismus heißt der Trend, dem immer mehr Menschen in Europa folgen, genau 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Sinn der Sache ist, grob zusammengefasst: Wieder mehr Nationalismus statt ein vereintes Europa. Also einen Schritt vor und dann so viele zurück wie möglich. Gestern war ich auf dem Piazza Maggiore, wo unter anderem Matteo Salvini eine Rede hielt. Das ausgerechnet Silvio Berlusconi dem Auftritt des Lega Nord-Politikers Salvini beiwohnte, ist kein gutes Omen…

Quasi Amici - Berlusconi e Salvini - Soppressatira
“Quasi amici” scherzte die Webseite Soppressatira: Die Zusammenarbeit von Salvini und Berlusconi erinnert an den Film “Ziemlich beste Freunde”.

Der Polizeihubschrauber war so laut, dass ich morgens davon geweckt wurde, obwohl ich in Flughafennähe wohne, also mittlerweile ziemlich lärmresistent bin. Das stundenlange Surren schuf eine unheimliche, angespannte Atmosphäre.

Ein Polizeihubschrauber überwachte die (Gegen-)Demonstrationen und sorgte dank übertriebener Lautstärke für Kriegs-Feeling.

Unheimlicher waren allerdings die (grob geschätzt) 20.000 Lega Nord-AnhängerInnen (Matteo Salvini sprach von 100.000, linke Quellen sprechen von 12.000 bis 16.000), die auf dem Piazza Maggiore ihrem Anführer zujubelten. Wie auch bei typischen Aufmärschen in Deutschland gab es eine friedliche Gegendemonstration, die von Hippies angemeldet und organisiert wurde und eine Antifa-Demo, bei der mal wieder alle Kräfte dafür verschwendet wurden, die Polizei und die Militärpolizei zu provozieren, bis diese gewohnt aggressiv reagierten. Während bei den filmreifen Straßenschlachten Flaschen flogen und Schlagstöcke geschwungen wurden, gab es bei den Hippies kaum Probleme, da immer wieder DemonstrantInnen mit der (Militär-)Polizei deeskalierende Gespräche führten.

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Ich selbst stand mitten in der Lega Nord-Menge und machte mich über sie lustig, was – im Nachhinein betrachtet – keine gute Idee war. Wenn die Militärpolizei mich nicht rechtzeitig herausgezogen hätte, wäre mir das Lachen wohl sehr schnell vergangen. Die aggressiven Lega Nord-Anhänger werden von italienischen JournalistInnen immer noch als mitte-rechts oder gar konservativ eingestuft, doch tatsächlich handelt es sich um eine Mischung aus unpolitischen Hooligans, verbitterten “Früher war alles besser”-RentnerInnen à la Alternative für Deutschland… und dann sind da noch die zahlreichen FaschistInnen, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, was ich als in Deutschland geborene Europäerin mit Verwandten, die von den Nazis misshandelt und eingesperrt wurden, nur schwer ertragen kann.

LegaNord Bologna

Natürlich ließen sich die Hippie-DemonstrantInnen nicht aus der Ruhe bringen. Sie stimmen John Lennons “Imagine” an, eine hatte ihre Querflöte mitgebracht, ein paar andere Trommeln, Töpfe und Rasseln. Der auch in Deutschland oft auf linken Demonstrationen verwendete Spruch “Siamo tutti antifascisti” wurde skandiert, während eine Organisatorin dafür sorgte, dass zwischen DemonstrantInnen und PolizistInnen immer zwei Meter Abstand blieb. Ich kletterte auf ein Baugerüst, um einen besseren Überblick zu bekommen. Der Polizei war das herzlich egal. In Deutschland hätte man mich sofort dafür verhaftet und angezeigt. Meine neue Freiheit in Italien gefällt mir sehr gut. Die Frage ist nur, wie lange diese noch bleibt.

Die Hippies riefen auch meine neue Lieblingsparole “Bibiloteca – quella cosa strana!” (Sinngemäß übersetzt: Bibliothek, diese seltsame Sache, die ihr nicht kennt!)

Gegen Ende der Demonstrationen um 16 Uhr rückte die Militärpolizei langsam  ab, überwachte aber weiterhin den Haupttreffpunkt der linken Studierendenorganisationen, Piazza Verdi. Auf meinem Weg ins Uni-Viertel musste ich durch eine Polizei-Kette. Die PolizistInnen sagten freundlich “Bitteschön” und räumten ihre Schilde aus dem Weg. ACAB? Nein, nicht alle Cops sind Bastarde. Bei Lega Nord sieht das ein bisschen anders aus.

8.11.2015 Maggiore Bologna
Die Militärpolizei schirmt mich von Lega Nord-Hooligans ab, nachdem ich mich als Gegendemonstrantin kenntlich gemacht habe.
Uni-Viertel, Via Zamboni.
Uni-Viertel, Via Zamboni.

Natürlich soll bei der Demo-Beschreibung nicht der eigentliche politische Hintergrund verloren gehen, denn ich schreibe schließlich nicht für die Springerpresse. Was Lega Nord fordert, lässt sich leicht zusammenfassen… denn simple “Lösungen” sind das, was gern gewählt wird: Ausländer sollen Italien verlassen, insbesondere Flüchtlinge und eigentlich alle, die arm sind, außer, Überraschung, Norditaliener. Wie der Name Lega Nord (= Liga Nord) schon andeutet, betrachten sie Norditalien (Mailand, Venedig, Rom, Bologna, …) als dem wirtschaftlich schwachen Süditalien überlegen und plädierten einst für eine Abspaltung. Matteo Salvini ist der Parteisekretär und das Gesicht von Lega Nord; er ist es auch, der die älteste Partei Italiens immer weiter nach rechts führt.

Parallelen zu Deutschland und der EU

In deutschen Talkshows fragen ModeratorInnen immer noch: ,,Wird die Stimmung bald kippen?” Intellektuelle antworten seit Monaten: ,,Sie ist bereist gekippt.” Oder als was würden Sie es bezeichnen, wenn Flüchtlingsheime brennen? Etwa als ,,angewandte Architekturkritik” (Zitat ,,Heute Show”)? Max Uthoff schnäuzte sich in der Satiresendung ,,Die Anstalt”, die mittlerweile vielmehr eine Nachrichtensendung ist, mit einem Taschentuch in Deutschlandfarben die Nase; Jakob Augstein hatte bereits 2012 einen öffentlichen Allergieanfall gegen Nationalismus (Bild 1: Phoenix, Bild 2: ZDF). Doch hunderttausende andere Deutsche sind wieder ,,besorgt” um ihr Land und steigern sich von Patriotismus in Nationalismus hinein. Man wünscht sich plötzlich wieder geschlossene Grenzen.

Schland -Gesundheit

Ich bin im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Niederlande aufgewachsen, habe jahrelang in Belgien gewohnt und bin in Deutschland zur Schule gegangen, am Wochenende fuhr die ganze Clique nach Holland. Ohne Grenzkontrollen. Uns ist nicht einmal aufgefallen, dass wir jeden Tag mehrmals zwischen Ländern wechselten. Auch wenn ich an die Urlaube denke, die ich als Kind mit meiner Familie in Polen verbracht habe, kann ich mich nicht an irgendwelche Grenzkontrollen erinnern. Ich habe noch keine geschlossene Landesgrenze in meinem Leben gesehen. Und ich wünschte, das könnte auch so bleiben.

Aber Nationalismus wird wieder stärker. In Italien, in Deutschland, Österreich sowieso, Schweden, England, Polen, die Schweizer Regierung tut gewohnheitsmäßig als würde sie nichts sehen und nichts hören… die Liste ist lang. Mal wieder wird nach unten getreten. Von Freunden aus Deutschland höre ich: “Die [Geflüchteten] kriegen 670 Euro im Monat! Das ist Baföghöchstsatz! Ich kriege keinen Cent Bafög!” Ja, 670 Euro sind schon viel Geld. Aber bitte: Schau’ dich in deinem Zimmer oder in deiner Wohnung um. Höchstwahrscheinlich hast du zusätzlich auch noch ein Kinderzimmer bei deinen Eltern. Stell dir vor, das wäre alles weg. Ich werde jetzt deine Bude abfackeln, inklusive aller deiner persönlichen Sachen. Danach rufe ich bei deinem Chef an und sage, dass du morgen nicht zur Arbeit kommst, weil du das Land verlassen hast. Hier hast du 670 Euro. Viel Spaß damit. Und jetzt geh’ dir gefälligst mal einen Job suchen, du fauler Sack.

Nationalismus heißt, sich anderen gegenüber privilegiert zu fühlen, einfach aufgrund der Tatsache, dass man zufällig hier und nicht woanders geboren wurde. Nationalismus heißt auch: Abschottung. Grenzzäune und -Mauern sind der Grund für erschwerte, gefährlichere Fluchtwege. Und was bringen diese gefährlichen Fluchtwege? Leichen an Europas Stränden.

Das Ganze hier mag etwas polemisch formuliert sein. Das liegt daran, dass ich wütend bin. Ich habe heute tausende Menschen rechten Politikern zujubeln gesehen und weiß, dass es gerade fast auf dem ganzen Kontinent so abläuft. Außerdem bin ich etwas enttäuscht. Die meisten, die ich gefragt habe, ob sie mit mir gegen Salvini & Co demonstrieren wollen, haben geantwortet: ,,Lass uns lieber was trinken gehen. Ich bin da ja eher unpolitisch.” Aber Hauptsache “Refugees Welcome”-Titelbild bei Facebook. Unpolitisch zu sein muss man sich leisten können.

Wie lange können wir es uns wohl noch leisten?

Aus den privaten Italien-Notizen von Mirjam Kay. Der Text gibt meine Meinung wieder, was sich an dem kleinen Wort “ich” unschwer erkennen lässt. Wenn Sie dazu Fragen haben, lesen Sie bitte zuerst das INTRO meines Blogs.

Weitere Informationen zur aktuellen politischen Lage in Italien auf

La Repubblica (Italienische Zeitung) .

 

 

Venedig + Eindrücke von der Biennale di Venezia 2015

Wednesday, December 2nd, 2015

“Nothing behind your masks” – Kritisches Grafitto in der Stadt der Masken.

“Das blasse blaue Mädchen soll weggehen. Ich will Venedig sehen.” – Foto: Hannah Güse

“Selfiestick und Todesblick.” – Foto von Hannah Güse

Venezia Oktober 2015 - 11Schon vor dem Eingang zum riesigen Biennale-Gebiet erwartet einen Kunst: Eine moderne Interpretation des venezianischen Wahrzeichens (geflügelter Löwe) wie hier zum Beispiel. Und die Antifa ist auch da.

Venezia Oktober 2015 - 12Installation: Life/Death. Auch unbedingt anschauen: American Violence.

Venezia Oktober 2015 - 5
Weed Art.
Venezia Oktober 2015 - 6
Papier gegen Papier: In der Tischmitte liegt ein Geldhaufen, der waechst. Denn die mit antikapitalistischen Bilder gefuellten Buecher, die das Geld umrahmen, kann man kaufen, indem man zehn Euro dazuwirft. Die Buecher sind eine Art “antikapitalistischer Schutzwall”, denn die BesucherInnen werden nur durch sie vom Geld getrennt. Viele Deppen schmieden Plaene, es zu klauen.
Venezia Oktober 2015 - 9
Man(n) starrt auf Kunst.

“I will always be too expensive to buy”

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Schutt und Asche, aber bunt. Von Katharina Grosse.

 

Klimawandel, motherfucker!

Ich gebe es ja zu: Zuerst war mir langweilig. Aber ich bin dankbar, dass Hannah mich zur Biennale di Venezia geschleppt hat. Kunstscheiße gab es da zwar so viel wie ich erwartet hatte. Doch manche war wirklich beeindruckend. Witzig fand ich es auch, die BesucherInnen zu beobachten. Es tragen wirklich viele Schwarz und gucken sehr gebildet. So entstand meine neuste Jobidee: Kunstkaufberaterin deluxe. Beschreibungen der Kunstwerke lesen (die sind meistens recht lang), dann neben die verbonzten Gelangweilten stellen, die murmeln: “Was will der Künstler mir damit sagen?” Laut die Antwort reinrufen, z.B. “KLIMAWANDEL, MOTHERFUCKER!” und sich mit Geldscheinen bewerfen lassen.

Venezia Oktober 2015 - 13
THEY DONT KNOW WHO THEY FUCKING WITH [sic]

 Einer meiner Favoriten: Die einfach nur mit Blei- und Buntstift geziechnete, detailverliebte Battleship-Reihe WITCH PLANES.

Der Zeichner arbeitet u.a. in Harlingen! Muss ich mal besuchen…

Venezia Oktober 2015 - 7

Venezia Oktober 2015 - 14

Darauf ist Verlass: Beste Kartoffelkamera-Qualitaet bei Cyberpunk Journalism !

Venezia Oktober 2015 - 15

Andererseits:

Venice Trippin'
Ohne Filter, ohne Display, ohne Tabak – Hannah kann Autorenfotos im Schlaf machen und im Rotweinrausch.
Regenbogenfarbener Sonnenuntergang. Wie immer: No filter needed.
Regenbogenfarbener Sonnenuntergang. Wie immer: No filter needed.

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Bye.
Bye.

 

Der Original-Blogeintrag erschien am 22. Oktober 2015 auf CyberpunkJournalism, dem Blog von Mirjam Kay Kruecken.

Ma(n)chmal was mit Menschen – oder: Unorganisierte Realitätsbewältigung in Bologna

Friday, October 2nd, 2015
Studentinnen bei der Wohungssuche, Piazza Verdi. (Bearbeitung: Helligkeit und Kontrast, wegen mieser Handyqualität)
Studentinnen bei der Wohnungssuche, Piazza Verdi. (Bearbeitung: Helligkeit und Kontrast, wegen mieser Handyqualität)

 

Nun bin ich schon seit fast einem Monat in Bologna und dieser Monat war unheimlich schnell rum. Vielleicht vergeht die Zeit hier schneller, die gefühlt Zeit jedenfalls. Das liegt an den tausenden Dingen, die man in dieser Gegend machen kann, weil freundliche Menschen einen einladen, ganz egal, ob man sich kennt oder (noch) nicht. Bologna ist auf eine wunderbare Weise chaotisch, sodass man keinen Plan braucht, für nichts. Das ist wohl die berühmte Gelassenheit der SüdeuropäerInnen, mit der ich so langsam warm werde. Schön ist, dass die Busse immer genau so spät dran sind wie ich. Manchmal fahren sie auch gar nicht oder nicht dahin, wo man eigentlich hin will. Darüber habe ich mich anfangs noch aufgeregt. Wenn mir das jetzt passiert und ich deshalb morgens diesen oder jenen Kurs verpasse, gehe ich einfach frühstücken. Frühstück in Bologna ist übrigens Zucker mit Zucker und Zucker, Mittagessen gibt’s nicht wirklich und abends Fett in Fettmantel auf Fett. Garniert mit Fett. Fast alle hier sind nikotin- und koffeinabhängig. Dieser Lebensstil wird ausgeglichen durch Strandtrips und Nachtspaziergänge mit Hunden, für die man eigentlich keine Zeit hat. Nur mein Hippie-Nachbar ist zu cool dafür, er hat ein Hausschwein. Er trägt den, derzeit leider auch in Bologna beliebten, Berlin chic mit Knödelfrisur und Spiegelglas-Plastiksonnenbrille. Abgesehen von diesem Verbrechen haben die ItalienerInnen aber Stil: Gerade läuft mal wieder eine riesige Expo sowie die Fashion Week in Mailand, außerdem hat mich die Architektur in Bologna bisher jedes Mal umgehauen. Oft stehe ich mit dem Kopf in den Nacken gelegt und offenem Mund wie ein Vollidiot in Lernsälen, Bibliotheken oder Vorlesungsräumen, starre die Deckenfreskos an oder bestaune eine mit Anarchiezeichen besprühte Skulptur. Manche GraffitikünstlerInnen haben viel Talent, aber null Respekt vor historischen Gebäuden. Daraus ergibt sich ein Mix aus alter und neuer Malerei, der nach LSD-Trip aussieht.

Bologna Street Art

Manchmal hänge ich den ganzen Tag in irgendwelchen Räumen der Università di Bologna rum, scheibe ein bisschen was und genieße die Atmosphäre (Oder wie mein 16-jähriges Ich es damals beim erstmaligen Betreten der Uni Hamburg formulierte: “Es riecht nach Bildung!”). Die technische Ausrüstung hingegen ist nicht gerade fortschrittlich, sodass die Engineering & Architecture – Fakultät größtenteils ins Umland Bolognas verlegt wurde… weshalb ich wohl doch nicht aus Spaß in irgendwelchen Space Mission Design – Vorlesungen sitzen kann. Damn.

RobertFace

Ich habe ein bisschen beim Online-Sprachtest geschummelt, um nicht in den Italienischkurs für Anfängerinnen gesteckt zu werden. Jetzt muss ich also irgendwie im mittleren Kurs klarkommen, obwohl ich erst im vergangenen Semester angefangen habe die Sprache zu lernen. In drei Wochen haben wir sechs Zeitformen durchgepaukt, in ein paar Tagen ist die Klausur. Ich kann jetzt also auf Italienisch sagen: “Ein Salamander lief/läuft/ist gelaufen/wird laufen/liefe/würde laufen”, habe aber zu wenig Alltagsvokabular drauf, um meinen zukünftigen Boss am Telefon zu verstehen. Ja, ich habe einen Nebenjob gefunden oder besser gesagt: der Job hat mich gefunden. An meinem zweiten Tag in Bologna wurde ich gefragt, ob ich als Standista, also Hostess, für  Auto- und Motorradmessen arbeiten wolle. Natürlich nicht. Ich finde es abstoßend, dass Frauen zu Dekorationsobjekten herabgewürdigt werden. “Die Feministin in mir lacht sich kaputt, die Schreiberin geiert auf eine Gonzo-Reportage, die Motorradliebhaberin auf Ducati-Rabatt, die Studentin riecht Cash und die restlichen Stimmen streiten sich immer noch, ob es ‘carpe diem’ oder ‘yolo’ heißt.” Nach diesem Facebook-Post ermunterten mich Freunde und Bekannte, den Job anzunehmen und darüber zu schreiben. Zur Zeit liege ich allerdings krank im Bett, weil ich mit den harten Temperaturwechseln da draußen (Von 30°C auf 15°C und zurück!) überhaupt nicht klarkomme. Nun gammle ich also mit Erkältung und Sonnenbrand (trotz Mega-Sunblocker) vor dem Notebook rum und schreibe über das ach so harte Erasmus-Leben.

Ein bisschen lächerlich ist es ja schon: Ich jammere ständig darüber, dass mein Stadtrand-Zimmer in Flughafennähe so viel kostet wie meine komplette Wohnung in Deutschland; ich meckere rum, weil alle Lebensmittel hier locker 10% – 20% teurer sind als in Deutschland (8€ für Erdbeeren, wtf) und meine größten Probleme gerade sind Creditpoints, Bafög-Bürokratie und Kopfschmerzen. Was für eine Farce. Täglich kommen mir total abgemagerte, verstört wirkende junge Männer aus Nigeria oder Libyen entgegen, die fragen, ob ich ihnen ein Feuerzeug oder Taschentücher abkaufen würde, damit sie nicht betteln müssen. Das sind die Menschen, die immerhin nicht vor Lampedusa ersoffen sind, aber trotzdem von der E.U. im Stich gelassen werden. Und wenn ich 100 Feuerzeuge kaufe, die ich nicht brauche, dann ist damit immer noch keinem geholfen. Als einzelne Person kann man Symptome eines Problems bekämpfen. Für die großen Dimensionen, die Wurzeln des Problems, ist die Politik zuständig. Ich denke da an eine Freundin aus Österreich, die von sich gesagt hat, sie sei unpolitisch, weil Politik nicht wirklich was mit ihrem Leben zu tun hätte. Einen Monat später musste sie zum Semesterbeginn über die deutsch-österreichische Grenze. Die war aber blöderweise zu. Wegen des Flüchtlingsstroms macht die Europäische Union dicht und verrät damit ihre eigenen Werte. Ich habe den Großteil meiner Kindheit im Dreiländereck Belgien-Holland-Deutschland verbracht und verbinde daher mit allen drei Ländern mehr als Bier und Gras. Dass die Grenzen offen waren (zumindest für Menschen aus der E.U.), war für mich bis jetzt eine Selbstverständlichkeit; den anderen Scheiß kannte man ja nur aus dem Geschichtsunterricht. Meiner Meinung nach sind also die Leute, die sich mir gegenüber als “unpolitisch” geoutet haben, aber von Berufswegen oder aus Spaß zwischen Ländern pendeln, gezwungenermaßen politisch. Ab einem gewissen Punkt kann jemand mit gesundem Menschenverstand die Realität nicht mehr ignorieren… und Politik ist ja gewissermaßen nichts anderes als organisierte Realitätsbewältigung. Oder sollte es zumindest sein.

Wie man diesem Gefasel schon anmerkt: Gestern haben meine Seminare in Political Sciences begonnen (Literatur kommt nächste Woche dazu) und ich bin froh, “Europe in World Politics” gewählt zu haben, weil mir beim Zuhören, beziehungsweise beim Lesen der backsteinschweren Seminarlektüre, ab und zu tatsächlich mal ein Licht aufgeht. Außerdem hat sich mir heute mein Sitznachbar  J. vorgestellt, der ziemlich gut aussieht und im Gegensatz zu 99% der italienischen Bevölkerung hervorragend Englisch spricht. Das hier ist ein subjektiver Reisebericht und kein Manifest, also verzeiht mir bitte diesen Wechsel zwischen Oberlehrerhaftigkeit und Oberflächlichkeit. Außerdem habe ich immer noch fiese Kopfschmerzen und schreibe eher zur Selbstmedikamentierung sowie für meine zwei oder drei Stalker, die mir mehrfach vorgerworfen haben, ich würde nie autobiografisch schreiben, obwohl mein Leben spannender sei als meine Phantasie (das ist übrigens kein Kompliment, ihr Arschgeigen).

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In Italien habe ich so viele herzliche Menschen getroffen, dass ich wahrscheinlich total begeistert wäre, hätte ich nicht so meine klischeehaft-deutschen Probleme mit sozialen Situationen. Hier begrüßen mich wildfremde Erasmus-Studierende mit Küsschen. Ich denke dann nach über Herpes und so. Wenn ich alleine ans Meer fahre, um in Ruhe schwimmen zu können, schleppt man mich zu Strandpartys und lädt mich zum Essen ein. Darüber freue ich mich natürlich sehr, bin aber auch leicht genervt, weil ich wieder nicht zum Schreiben gekommen bin. Eine griechische Freundin will mir die Insel Lesbos zeigen (klingt nach Anmache), ein junger Dozent für Kommunikationswissenschaft und Satellitentechnik erinnert mich stark an eine eigene Buchfigur und ich will alles über seine Arbeit für die European Space Agency und sein Treffen mit einem

Fontana del Nettuno
Fontana del Nettuno

Nasa-Astronauten erfahren. Eine Freundin aus Litauen schleppt seit Wochen den superniedlichen Hundewelpen ihres Mitbewohners mit sich herum (funktioniert als Anmache; ich nenne sie die Paris Hilton dieses Erasmus-Jahrgangs). Kommunistische und anarchistische Studierendenorganisationen und Diskussionsgruppen laden mich zu ihren Veranstaltungen ein; sie sind nicht so verzweifelt-verbissen wie in Deutschland, denn in Bologna ist die Regierung links und der wichtigste Platz im Studierendenviertel (Piazza Verdi) gehört quasi der Antifa. Alles hier ist bunt, laut, anstrengend, kunstvoll, aufregend. Ich werde täglich erschlagen von den Möglichkeiten, die sich mir bieten. Meine KommilitionInnen kommen deutlich besser damit klar als ich; sie tanzen sozusagen auf allen Hochzeiten, ohne müde zu werden. Vielleicht trinken die auch einfach mehr Kaffee als ich und haben sich keine einsam-autistischen Schreibprojekte aufgezwungen. Schreiben scheint aber zu helfen, ich fühle mich schon etwas besser. Zu viele Möglichkeiten haben ist ein Luxusproblem. Vielleicht mache ich ja morgen was mit Menschen. Wenn nicht, lese ich eben dieses Seminarlektüremonstrum. Irgendwo muss man anfangen. Oder wie der große Philosoph Shia LaBeouf einst sagte: “What are you waiting for? DO IT!!!”

Klein Venedig in Bologna - Foto von Larreitz Stymest
“Klein Venedig” in Bologna  © Larreitz Stymest 
Sunset in Marina di Ravenna
Sunset in Marina di Ravenna
Kapitel ordnen. 'Nen Versuch war's wert.
Kapitel ordnen. ‘Nen Versuch war’s wert.

 

Der Original-Eintrag erschien am 26. September 2015 auf CyberpunkJournalism, dem Blog von Mirjam Kay Kruecken.

Bologna – Erste Eindrücke

Thursday, September 3rd, 2015

 

Bologna kennen die meisten meiner Altersgenossen nur durch den Wanda-Song und die europäische Studienreform, die dort beschlossen wurde… und gehörig daneben ging. Da kann Bologna natürlich nichts für.

Die Università di Bologna ist eine ältesten Universitäten der Welt, etwa 100.000 BewohnerInnen dieser Stadt sind Studierende. Man nennt Bologna auch la Dotta (die Gelehrte), la Rossa (die Rote, wegen der roten Dächer und der linken Regierung) und la Grassa (die Fette, wegen der nicht ganz so gesunden Cuisine). Außerdem ist Bologna UNESCO-Musikstadt, was mir als Konzrtkritikerin aus einer anderen UNESCO-Musikstadt natürlich gut gefällt.

Ich bin seit ein paar Tagen in Bologna und habe festgestellt:

  1. Die historische Innenstadt ist trotz vieler Baustellen wunderschön.
  2.  Wenn man zu weit außerhalb wohnt, ist man gearscht! Das Leben spielt sich im Zentrum ab, wo die Mieten allerdings irrwitzig hoch sind. Doppia (geteiltes Zimmer) ca. 250 – 350€, Singola (Einzelzimmer) ca. 400 – 500€.
  3. Erasmus ist das Mallorca unter den Austauschprogrammen: Neonfarbene Plastiksonnenbrillen; hässliche Jack & Jones-Shirts; verwöhnte rich kids, die Drogenkonsum für etwas Besonderes und Verrücktes halten; Techno-Mukke und natürlich saufen, saufen, saufen.
  4. Es gibt eine alternative Szene fernab von Erasmus-Ballermann-Gehabe, aber die muss man suchen. Bad Religion zum Beispiel sind mir persönlich zu sehr Popmusik. Machine Head, Ministri und Jedi Mind Tricks kann man sich schon eher geben. Alle spielen im Oktober im Estragon.
  5.  Die seltsamste Party in Bologna heißt Decadence – und der Name ist Programm.
  6. Essen ist teurer als in Deutschland, dafür aber sehr gut. Zug- und Busfahrten sind chaotischer, dafür viel billiger als in Deutschland. Für weniger als 10 Euro kommt man von Bologna aus ans Meer.
  7. Im Sommer (dazu zählt auch September, da es hier 25 – 30 °C sind) darf man sich über hamstergroße Mückenstiche freuen, die einem laaange erhalten bleiben.
  8. Frau wird offensichtlich und unverschämt angeglotz, angebaggert, angequatscht… denn auch bierbäuchige Mopedmachos haben hier viel Selbstbewusstsein oder tun zumindest so.
  9. Das Klischee stimmt: Extra Regale im Supermarkt, nur für Pasta und Soßen.

 

 

Der Original-Eintrag erschien am 3. September 2015 auf CyberpunkJournalism, dem Blog von Mirjam Kay Kruecken.