Ein ganz normaler Tag in Russland

Um 7 Uhr früh: Маршрутка von Иова dröhnt aus meinem Handywecker hervor und ich mache die Augen nach nicht mal fünf Stunden Schlaf auf. Genervt schalte ich den Wecker aus und setze mich auf. “Knaaaaaartsch” macht es da, als sich die große Лента-Luftmatratze unter mir bewegt. Ich seufze und denke mal wieder an meine schöne Matratze in Deutschland. Kaum aus dem Bett gestiegen höre ich wieder fremde Stimmen um mich herum – Polnisch von links und Englisch von rechts. Ein weiterer Handywecker beginnt über meinem Kopf im zweiten Stock zu vibrieren! – Das Studentenwohnheim scheint wach zu sein.

Kurzer Hand klettere ich auf meinen Schreibtisch um die Tagesdecke vom Fenster zu ziehen und das Sonnenlicht hereinzulassen … kein Sonnenschein … Regen. Naja, so schlimm ist es ja auch nicht! Immerhin habe ich erst vor ein paar Tagen einen Regenschirm gekauft – ich werde es überleben, denke ich mir. Mit einem Satz wieder vom Tisch runter, Wasser in der Gemeinschaftsküche aufgekocht, ein kleines Frühstück zubereitet und schließlich gemütlich am Schreibtisch mampfend aus dem Fenster sehend. “Immer noch kein Kühlschrank?”, höre ich dann die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf. Ich seufze erneut und sage mir selbst: nächsten Monat, keine Sorge! Nächsten Monat! Schnell noch in die Klamotten gehüpft und die Tasche für den Tag gepackt. Ein Morgen wie jeder andere auch!

Raus auf dem Flur und am Wachposten vorbei. Ich grüße ihn wie immer mit “Здравствуйте!” in der Hoffnung einen Gegengruß zu bekommen, aber er hebt nur Stirnrunzelnd den Kopf. Auch auf dem Weg zur Uni grüßt keiner auf dem einsamen Weg und die Blicke kreuzen sich nicht.  Ich tapse auf dem Fußgängerweg umständlich hin und her um den großen Pfützen auszuweichen, die sich an allen Stellen sammeln. Wer hätte gedacht das man auch ohne Gullis im Leben gut auskommt?! Dennoch sind meine Schritte schneller als in Deutschland geworden: Jeden Tag 40 Minuten oder mehr laufen, hin und zurück. Wenn ich erst wieder in Deutschland bin, wird sich sicher niemand mehr über meine Langsamkeit beschweren können :)! Es gibt einen Bus auf der Stecke, doch darauf warten lohnt sich nicht – die Haltestelle hat weder einen Fahrplanaushang, noch ist diese auf der Website auffindbar. Es könnte ewig dauern bis der nächste kommt. Doch kaum das ich die Bushaltestelle um 200 Meter passiert habe höre ich das rattern des Busses hinter mir und er überholt mich knatternd. Wuuuuunderbar … ein Morgen wie jeder andere auch!

An der Universität trotz Regenschirm pitschnass angekommen geht’s auch schon direkt zum Unterricht und zu meiner Gruppe. Die Gruppe in der Universität kann man mit einer Klasse vergleichen. Man hat gemeinsam Unterricht und wechselt zusammen die Räume. Allerdings sind meine Russisch-Kenntnisse noch nicht soweit ausgereift, dass ich an allen Kursen teilnehmen kann. Meine Gruppe besteht nur aus Mädchen, ca. 15 und die meisten sind jünger als ich, da die Hochschulreife in Russland mit 17 Jahren erreicht wird. Ich habe sie alle schon sehr lieb gewonnen. Sie nehme Rücksicht auf mich, sprechen nur langsam auf Russisch oder reden Deutsch mit mir. Ihr Deutsch ist sehr gut. Oft schäme ich mich dafür die Sprache noch nicht zu beherrschen, aber sie machen es mir leicht mich dennoch wohlzufühlen.

Zur Zeit belege den Unterricht der Übersetzung (Russisch-Deutsch/ Deutsch-Russisch), der Geschichte der Deutschen Sprache (auf Deutsch) und der Stilistik (auf Deutsch und Russisch). An zwei Tagen nach der Uni wartet Анна auf mich um mit mir mehr Russisch zu üben. Sie ist ein Mädchen aus meiner Gruppe und eine meiner liebsten Leute hier. Sie ist immer für mich da und tut ihr Bestes um mir zu helfen! Sie ist die Beste :).

Nachdem alle Pflichten für den Tag getan sind geht’s ab “nach Hause” zurück in das Studentenwohnheim. “Vielleicht sollte ich noch einkaufen gehen? – JA! Das sollte ich.” Also ab in den Laden, meistens Магнит oder Осень, denn es liegt auf dem Weg. Kyle und Brandon, meine beiden amerikanischen Nachbarn im Studentenwohnheim, brauchen vielleicht auch noch etwas- also kurzer Hand eine Nachricht an sie verschickt. Сушка… Кефир.. mhh alles leckeres Zeug. Ich nehme mir Fitness Flakes von Nestle und Milch… Zusätzlich eine riesige Flasche Wasser (5 Liter), denn Leitungswasser ist hier ungenießbar. An der Kasse fragen sie wie immer: “Möchten sie eine Tüte? Haben Sie eine Karte? Haben Sie Kleingeld bitte?”

Gerade raus aus dem Laden und das Handy vibriert. Brandon.

“Hey Nina! We just got invited to a birthday-party by Gio at 8. We will meet him at Лента by 7:30. Also bring chocolate please :). Meet you in front of Лента!”

“Okay, wird gemacht!”… wieder ab in den Laden. “Momentmal! … Ich glaube er hat nicht mal gefragt ob ich überhaupt Lust auf diese Party habe?! Immerhin ist es Montag! Morgen ist Uni! … Nunja … was solls…” Eigentlich freue ich mich darüber, denn ausgehen bedeutet Russisch üben, aber auch Englisch zu sprechen. Ich wechsle zwischen drei Sprachen hin und her, im Minutentakt. Langsam gewöhne ich mich auch daran.

Und noch einmal: “Möchten sie eine Tüte? Haben Sie eine Karte? Haben Sie Kleingeld bitte?” … seufzend krame ich erneut nach meinem Portemonnaie und verlasse den Laden ein zweites Mal, die Tüte und das schwere Wasser in den Händen. Der Regenschirm ist umständlich zwischen Schulter und Nacken geklemmt, denn es gießt immer noch wie aus Bächen. Halbwegs trocken muss ich nun nur noch eine Straße überqueren um schon bald beim Wohnheim anzukommen. An der Ampel warte ich auf grünes Licht. FLATSCH. – Wasser spritzt mir von der Seite von Kopf bis Fuß entgegen als ein Auto vorbeirast. Viel zu spät fällt mir wieder ein das es hier keine Abflüsse auf den Straße gibt (oder wenigstens nur sehr vereinzelt). Wie ein begossener Pudel stehe ich in der unbequeme Pose mit dem Regenschirm da und finde mich mit meinem Schicksal ab. Der Versuch den rechten Arm zu heben und mir den Dreck aus dem Gesicht zu reiben schlägt fehl, als ich zurück springe, da es schon die nächsten Autos auf mich abgesehen haben.

Kaum im Studentenwohnheim angekommen fällt mir ein weiterer Denkfehler auf … “Verdammt! Kein Kühlschrank! Dann muss die Milch halt schnell leer gemacht werden.” Ich schlurfe an dem Wachmann vorbei, diesmal ohne den Versuch eines Grußes. Endlich etwas essen und dann ab unter die Dusche. Natürlich auch noch Wäsche machen und die Hausaufgaben nicht vergessen …

Die Russische Hausparty darf auch nicht außer Acht gelassen werden, aber ich denke für diesen Blogeintrag ist es erst einmal genug! Ich werde ein anderes Mal über Ereignisse wie diese berichten. Es sei nur gesagt: Um ca. 2 Uhr falle ich ins Bett und schaue auf meinen Wecker. Großartig, wieder nur ein paar Stunden Schlaf bis mein Handy mich weckt! – Ein Tag wie jeder andere auch! 

Es klinkt komisch aber ich habe mich an das Land und die Leute gewöhnt. Es hört sich sicher nicht so an, dennoch habe ich Nowgorod lieb gewonnen. Alle diese kleinen Dinge die sich so viel sehr von Deutschland unterscheiden, ich mag sie! Es bringt mich dazu über mich und mein Leben in der Heimat nachzudenken und zu hinterfragen. Egal wie oft ich auch im Regen stehe, es gibt immer einen positiven Blickwinkel, oder einen Ausweg!

In diesem Sinne, bis bald Deutschland! :) Es ist an der Zeit mein Leben in Russland zu leben.

Nina

Regen

Comments are closed.